Relais im neuen Jahrtausend

Willy hat auf der HAM Radio wieder vieles gelernt. Unter anderem weiß er jetzt, dass es eine digitale Dividende gibt und das Frequenzökonomie bedeutet, möglichst viele Frequenzen frei zu halten – oder so ähnlich.

Sein Funkfreund und Nachbar Frank hat das offenbar noch nicht so ganz begriffen, denn nach seiner Rückkehr überraschte er Willy mit einer neuen Idee: „Ich habe jetzt auch ein Relais!“ begrüßte er den überraschten Ankömmling.

„Auf einmal?“ Willy war ehrlich erstaunt.

„Klar, hat nur drei Wochen gedauert.“ Frank platzte beinahe vor Stolz.

„Aha.“, antwortete ihm Willy verwirrt, um dann doch zögerlich zu fragen, „Aber wir haben doch schon ein Haus-Relais auf 2 Meter und auch eins auf 70 Zentimeter? Die laufen doch seit Jahren völlig störungsfrei.“

„Ach“, antwortete Frank wie aus der Pistole geschossen, „da sind immer so viele Leute qrv und wir können uns gar nicht richtig unterhalten.“

Willy überlegte flüchtig, was Frank nur meinen könnte, erschienen ihm doch die Nutzerzahlen seines Lieblings-Relais in den vergangenen Jahren stets eher rückläufig zu sein. Die Verwirrung stand ihm nun offen ins Gesicht geschrieben. „Aber …“ versuchte er es erneut „wir treffen uns doch immer auf unserer OV-Frequenz, wir wohnen doch nur 500 Meter aus einander.“

„Jaja“, antwortete Frank – jetzt schon leicht genervt –, „aber mein Relais kriegt dann auch EchoLink und so.“

Während Willy noch über das „und so“ nachdachte, entbrannte in ihm eine neue Frage. „Wo hast Du denn den Standort her?“

„Standort?“ Jetzt war es an Frank irritiert zu sein. „Ich habe doch noch eine X-50 auf dem Dach, die nehme ich dafür.“

Willy war verblufft. Auch wusste er nicht, wie er seine nächste, unausweichlich in seinem Kopf auftauchende, Frage würde stellen sollen. Er versuchte es auf die lockere Tour. „Na ja, nun sind wir ja beide nicht gerade die Bastler vor dem Herren. Wie hast Du das denn hinbekommen?“

„Ach Willy!“ Frank schaute ihn mitleidig an. „Ganz einfach: Zuerst habe ich den Antrag bei der BNetzA gestellt. Das ging ziemlich schnell und unkompliziert. Dann habe ich mir bei eBay zwei fertig programmierte Motorola-Mobilgeräte gekauft. Die sind robust, können locker 10 Watt und halten ewig. Programmiert waren die auch schon. Dann brauchte ich natürlich noch eine Weiche, die gibt’s auch bei eBay und die hat man mir sogar schon fertig abgeglichen, ich musste nur meine Frequenzen angeben, und das beides für nur 300 Ocken. Jetzt brauchte ich nur noch eine Steuerung. Da gibt es diese WX-Steu, die ist schon bei sau vielen Relais im Einsatz und die kriegt man komplett fertig, gibt’s auch gar keine Bausätze oder so davon, weil da eh keiner was ändern will. Dann habe ich unseren OV-Kollegen Bernd gefragt, ob er mir die Kabel lötet und fertig.“

Völlig baff wollte Willy sich nun auch einmal live und in Farbe die Technik anschauen.

„Soso.“, sagte er, als er vor den luftverdrahteten Geräten stand. „Hmmm, aber selber bauen kannst Du daran jetzt nichts, oder?“

„Doch!“ Frank schien ehrlich beleidigt. „Ich kann die Steuerung per DTMF oder sogar mit dem PC einstellen!“

„Und das machen viele so?“ Willy war sich nicht mehr sicher, ob er das mit dem angeblich so komplizierten Relais-Bau in den letzten Jahren wirklich alles richtig verstanden hatte. Wo war das Postulat des Selbstbaus geblieben? Nicht einmal die Steuerung durfte man ja anscheinend noch selber bauen.

„Tja“, sagte Frank, „das ist heute eben nicht mehr so wie früher mal.“

Ein wenig traurig ging Willy nach Hause und schaltete mit seinem neuen Handfunkgerät das gute alte Haus-Relais ein. Sollten seine ganzen Spenden in die Relais-Kasse wirklich umsonst gewesen sein? Er würde seinen Funkkameraden und Relais-Betreiber Manfred, der die Haus-Relais seit 20 Jahren betreute, bald einmal danach fragen. Für heute nahm er sich stattdessen die Anleitung seines neuen Funkgerätes hervor, um herauszufinden, wie er Franks neue Relais-Frequenz würde abspeichern können.

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